Wer aus diesem rigorosen Tagesablauf in unserem Internat folgern würde, wir hätten eine traurige Kindheit und Jugend verbracht, der irrt. Es sind in jenen Jahren dauerhafte Freundschaften entstanden, und es herrschte eine Form der Heiterkeit, die denjenigen, die im trauten Familienkreis aufgewachsen sind, fremd sein mag. Es gab gewiss Reibungen zwischen den Deutsch-Schweizern und den "Welschen", aber ich verspürte innerhalb dieses helvetischen Vielvölkerstaats - die Italiener aus dem Tessin, die Rätoromanen aus Graubünden kamen ja noch hinzu - einen Zusammenhalt, der uns bei der mühsamen europäischen Einigung als Vorbild dienen sollte (…)
Dass wir nicht ganz der Frömmelei und dem religiösen Wahn verfielen, verdanken wir der Verwurzelung unseres Unterrichts im klassischen Geschichtsbild der Antike. Wir lebten ständig in Bezug auf die Helden von Hellas und Rom. Unsere erste lateinische Lektüre richtete uns unter dem Titel "De viribus illustribus" auf jene römischen Tugenden aus, denen das Imperium seine Grösse verdankte. Später versetzte uns die "Aeneis" des Vergil in die Sagenwelt des trojanischen Untergangs. Im Griechischunterricht begannen wir zwar - der Einfachheit halber - mit der Übersetzung des Markusevangeliums, gingen aber sehr bald zur Lektüre der "Odyssee" über. Unsere Verbundenheit mit dem heidnischen Pantheon der Antike gipfelte in einer von der Schülerschaft mit grossem Aufwand inszenierten Aufführung des "Oedipus Rex" im Kantonaltheater.
Peter Scholl-Latour, Mein Leben, (Autobiografie, postum) C. Bertelsmann, München 2015